Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Osterfest nach der Diagnose. Gleichzeitig mit der Einladung für den alljährlichen Osterbrunch kamen auch immer mehr Zweifel auf: Werden sich die Feiern auf einmal anders anfühlen? Wie werden wohl die anderen auf meine Diagnose und mein glutenfreies Essen reagieren? Wird auf meine „neuen Bedürfnisse“ Rücksicht genommen? Was ist, wenn etwas in der Küche schiefgeht oder ich gar nichts mehr essen? Fragen über Fragen, die einem durch den Kopf gehen und die du wahrscheinlich auch kennst, oder?
Das Gespräch suchen – vorab!
Niemand mag Überraschungen – weder die Gastgeber noch man selbst! Zumindest dann, wenn es ums glutenfreie Essen geht. Dementsprechend nutze ich vorab immer die Gelegenheit, um alles zu besprechen. Wie sehen die Essenspläne für die Feiertage aus? Wird das Essen geliefert oder selbst zubereitet? Werde ich ohne Sorge mitessen können? Am liebsten gehe ich gemeinsam das Menü und die benötigten Zutaten durch, um genau zu besprechen, was ich essen kann und worauf auch bei der Zubereitung geachtet werden muss. Ich kann aber auch verstehen, dass das eine echte Herausforderung sein kann. Für den Gastgeber. Und für einen selbst. Zwischen Osterzopf & Braten noch etwas Glutenfreies auf die Beine stellen – sportlich!
Falls ich bei der ganzen Sache ein schlechtes Bauchgefühl habe und befürchte, dass irgendetwas schiefgehen wird, biete ich auch gerne an, mir selbst etwas mitzubringen. Während mir das früher echt komisch vorkam, finde ich es mittlerweile völlig ok! Anstatt ein mögliches Risiko einzugehen, ist es doch viel entspannter, wenn ich mir selbst etwas mitbringen oder zumindest beim Kochen unterstützen kann – so hat man immer im Blick, wie alles zubereitet wird und kann in kritischen Momenten eingreifen.
Aber ich hätte ja keine Zöliakie, wenn ich nicht immer einen Plan B im Kopf oder viel mehr in meiner Tasche hätte. Auch wenn alles genau geplant ist und eigentlich nichts schiefgehen dürfte, habe ich immer etwas Brot und einige Notfallsnacks dabei – man weiß ja nie!
Unverständnis und Rechtfertigung
Ich muss zugeben, dass ich mit meiner Familie einen echten Glücksgriff gemacht habe – keine Vorwürfe, keine Diskussionen. Zumindest in meinem engsten Familienkreis. Natürlich mussten sich damals alle an die neue Situation gewöhnen. Daran, dass die glutenfreien Brötchen nichts im „normalen“ Brotkorb zu suchen haben. Und dass nur die entsprechenden Zutaten noch lange keinen sicher glutenfreien Kuchen bedeuten. Aber die Diagnose und die damit verbundenen Herausforderungen wurden nie in Frage gestellt. Zoe hat jetzt Zöliakie, fertig, aus.
Trotzdem kennt wahrscheinlich jede(r) von uns diese Sätze, die einen innerlich auf die Palme bringen. Kurz nach der Diagnose, aber auch noch Jahre später. Onkel Willi, der der festen Überzeugung ist, dass das Ganze nur ein Trend ist und Oma Gisela, die meint, dass ein Krümel ja wohl nicht so schlimm sein kann. „Probiere doch zumindest ein bisschen, der Kuchen wurde extra für dich gebacken!“ – begleitet von einem vorwurfsvollen Augenrollen. Früher wusste ich in solchen Situationen oft nicht, ob ich lachen oder einfach weinen soll. Verzweiflung und Unsicherheit waren meine ständigen Begleiter.
Der Balanceakt zwischen Verständnis und Selbstschutz
Mit der Zeit habe ich gelernt, für mich und meine Bedürfnisse einzustehen. Anstatt mich für meine Erkrankung und die vermeintlichen Umstände zu entschuldigen, stehe ich heute dazu. Warum soll ich mich auch kleinmachen? Ich habe mir das Ganze ja nicht ausgesucht. Trotzdem versuche ich immer wieder Verständnis für mein Gegenüber aufzubringen.
Ich verstehe, dass sich nicht jeder mit dem Thema auskennt – warum auch? Wer bislang nichts mit Zöliakie oder einer anderen Unverträglichkeit zu tun hatte, musste sich damit ja auch noch nie auseinandersetzen. So ging es mir ja vor meiner Diagnose auch. Dementsprechend erkläre ich gerne, worauf ich bei meiner Ernährung und in meinem Alltag achten muss – wenn echtes Interesse besteht. Aber ja, auch meine Geduld hat Grenzen. Zumindest dann, wenn ich merke, dass jemand nur provozieren will oder meine Bedürfnisse einfach nicht gehört werden. Die Sprüche meines Cousins, ob ich mal wieder eine Extrawurst brauche, haben mich früher wirklich getroffen – heute ignoriere ich sie.
Aufklärung statt Aufregung
Anstatt mich darüber aufzuregen, dass die eine oder der andere immer noch nachfragt, warum ich besonderes Essen bekomme, versuche ich das Thema immer noch einmal im Schnelldurchlauf zu erklären. Auch wenn es mir selbst schon zu den Ohren raushängt und ich mir wie ein Leierkasten vorkomme. Ein kleiner Gesprächsleitfaden bzw. die wichtigsten „Keyfacts“ im Hinterkopf können da helfen! So kann man kurz und knapp, aber anschaulich erklären, warum selbst kleine Mengen Gluten bereits echten Schaden anrichten können und dass das Ganze eben kein neumodisches Hirngespinst ist, was vielleicht zum nächsten Osterfest schon nicht mehr aktuell ist.
Vielleicht helfen dir die Stichpunkte auch weiter?
- Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung, kein Trend.
- Selbst kleine Spuren und Krümel können ausreichen, um dem Körper zu schaden.
- Das Immunsystem des Körpers erkennt das Getreideprotein (Gluten) als fremd und bildet Antikörper dagegen – diese greifen die Dünndarmschleimhaut an und können diese im Laufe der Zeit beschädigen.
- Folge: Der Darm funktioniert nicht mehr normal.
- Klassische Symptome: u.a. Bauchschmerzen, Durchfall, Blähungen, Gewichtsverlust, Nährstoffmangel und Müdigkeit. Es gibt aber auch eine Form ohne Symptome!
- Strikter Verzicht = aktuell die einzige Behandlungsmethode.
Verbündete in der Familie finden
Mein erster Schritt war es damals, mir Verbündete im Familienkreis zu suchen. Lieblingsmenschen, die nicht urteilen, sondern verstehen und mich unterstützen. Meist gibt es in jeder Familie jemanden, der verständnisvoller ist als andere. Eine Schwester, ein Cousin oder eine Schwägerin, die sich Mühe gibt. Diese Menschen sind Gold wert und machen jede Familienfeier leichter – gemeinsam ist man stark.
Tischregeln
Nach und nach habe ich mir so etwas wie meine eigenen Tischregeln zurechtgelegt. Quasi ein Knigge in der glutenfreien Version. Die meisten in meiner Familie kennen das Spiel mittlerweile und halten sich brav daran. Aber weißt du, was ich wahrscheinlich nie abstellen kann? Das Ganze Geschehen am Tisch ständig zu beobachten, um zu sehen, ob auch ja nichts schiefgeht. Damit bloß niemand mit dem falschen Löffel in die Schale mit meinen glutenfreien Leckereien langt oder den Brotkorb quer über den Tisch reicht. Ja, auch beim Anstoßen werde ich mein Glas immer ganz oben halten, so dass auf keinen Fall ein Schlückchen glutenhaltiges Bier hinein schwappt. Und weißt du was? Mit ist es völlig egal, ob jemand meine „Regeln“ für übertrieben hält. Die Hauptsache ist doch, dass ich ein gutes Gefühl habe und keine Sorgen haben muss, dass die Feiertage nach dem Essen für mich gelaufen sind.
Wie sehen deine Familienfeste aus?
Hast du schon Pläne für das kommende Osterfest? Verrate sie mir gerne als Direktnachricht auf Instagram (@zoe_glutenfrei). Und denk dran: Auch an Ostern geht es um das Miteinander. Gestalte den Tag so, dass er auch für dich ein ganz besonderer wird – ohne Sorgen und ohne Bauchschmerzen! ❤️
Xoxo, deine Zoe